Die Übung

26.06.1975 atomare Forschungsstation LFP/ Storkow/ DDR

 

Auf dem atomaren Versuchsgelände hatte ohnehin keiner etwas zu suchen. Weder die Offiziere, der davor gelagerten und als Tarnung gedachte Pionier Bataillon, noch irgendwelche andere Personen. Was war es für uns eine Abwechslung, wenn der Alarm ausgelöst wurde und alliierte Besatzungsangehörige das Territorium betraten, beziehungsweise unser Territorium mit ihren dicken, fetten Straßenkreuzer befuhren. Meistens kamen Sie mit einem aufgemotzten Chevrolet.

Den Alliierten Truppen, war es bekannt, dass hier bei Storkow eine Forschungsstation der DDR besteht.

Wir, aus der LFP waren die Beschützer der Forschungsstation.

Wenn Alarm ausgelöst wurde, dann waren wir von der LFP gefragt und gefordert!

 

Ich hatte gerade unseren Robur, das ist ein Mannschaftspritschenwagen, auseinander genommen und den Motor einer Generalüberholung unterzogen. Was soll man schon aus einem vier Zylinder mit einem Einvergaser-Fallstrom herausholen. Bevor ich zur nationalen Volksarmee kam, bin ich zwei Jahre Rallye gefahren und kannte mich in dem Mitée einigermaßen aus. Also habe ich neue Ventile eingeschliffen, die Kurbelwellenlager gewechselt und einen Doppelvergaser mit polierten Kanälen eingebaut. So hatte der Motor einwenig mehr PS, was allerdings den Spritverbrauch eines Panzers gleichkommen ließ.

Und dann kam der Alarm!

Amerikaner sind, wie es hieß, in das Sperrgebiet eingedrungen. Sie haben die Schranken, die den Wald absperrten, überwunden. Das Warnschild, wo auf: Sperrgebiet, Betreten verboten, hingewiesen und bei Nichteinhaltung, vor Schusswaffengebrauch informiert wurde, wurde einfach ignoriert. Der eigentliche Zaun, womit das Forschungsgelände abgesperrt wurde, befand sich gut einen Kilometer von den Schranken entfernt.

Es bestand die Gefahr, dass von seitens der Amerikaner eine Begutachtung des Forschungsgeländes unternommen werden sollte. Das galt es auf jeden Fall zu verhindern.

Der Motor musste sowieso getestet werden und das war eine gute Gelegenheit, gegen einen Chevrolet mit dreihundert PS anzutreten. Über Funk erhielt ich die Information, dass die Amerikaner von der Landstraße her den Brandschutzweg genommen haben. Wenn die Amerikaner dann den Weg immer geradeaus über die Brandschutzwegkreuzung hinaus genommen haben, kommen sie zu einer Stelle, wo man einen großen Teil des Forschungsgeländes einsehen kann. In einer Anhöhung hat man dann den Freien Blick über den Krater hinweg. Ich musste ihnen den Weg abschneiden und eher da sein, als die Amerikaner an der Kreuzung. Ich nahm die Abkürzung über die Panzerstrecke. Mit eingeschaltetem Allradantrieb ließ ich den Motor brüllen und erklomm eine Steigung nach der anderen. Ich hatte keine Zeit mehr mich anzuschnallen und so knallte ich jedes Mal auf den ungefederten Sitz wieder auf. Egal, Hauptsache vor der Kreuzung. Bevor die Amerikaner den Braten riechen und abbiegen, denn auf gerader Strecke, selbst auf Feldwegen, habe ich keine Chance.

Michel, der an diesem Tag der Mannschaftsführer war und in der Zentrale Dienst hatte, brüllte über Funk in meine Ohrhörer: „Fahr! Fahr, das schaffst Du.“

Fast gleichzeitig kamen wir an der Kreuzung an. Ich sah, wie sie vor der Kreuzung stoppten und einen winzigen Moment warteten.

Wir hatten schönes Wetter. Die Sonne schien und die Amerikaner hatten ihre Scheiben herunter gekurbelt. Auf der Rückbank konnte ich Offiziere erkennen, deren Letter im Spiegel der Sonne aufblitzte.

Ich kam mit 80 Sachen den Feldweg entlang. Der amerikanische Fahrer wusste in diesem Moment, dass er keine Chance mehr hatte. Wenn er jetzt Rückwärts fuhr, um wieder zur Schranke und auf die Landstraße zu kommen, bin ich schneller und schiebe ihn gegen einen Baum. Wenn er abbiegt bin ich mit meiner Geschwindigkeit schneller und schiebe ihn ebenfalls gegen einen Baum. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als geradeaus zu fahren. Geradewegs zu dem Hauptzaun und zu der guten Aussicht auf das Gelände. Nur dieser Weg ist eine Sackgasse und nur Wald links und rechts. Die Amerikaner tappten in die Falle und fuhren geradeaus. Jetzt hatte ich Zeit und fuhr etwas gemächlicher. Ich konnte abwarten, was die Amerikaner so treiben, was sie aus dieser Position machen. Wir fuhren ein paar hundert Meter, bis sie plötzlich stoppten. Ich stoppte ebenfalls. Wir waren ungefähr dreißig Meter entfernt. Der Amerikaner ließ den Motor aufbrüllen und aus dem Doppelrohrauspuff blaken mächtig Auspuffgase heraus. Der Chevrolet schoss zwanzig Meter weit und blieb abrupt stehen. Ich hatte den Allradantrieb noch eingeschaltet. Auch ich ließ den Motor aufheulen und mit zusätzlicher Untersetzung schoss mein Robur wie ein Reh auf der Flucht nach vorne. Ich legte eine Vollbremsung hin, so dass eine Staubwolke den Chevrolet einhüllte.

Wir belauerten uns. Ich wartete auf die nächste Aktion von den Amerikanern. Die ließ nicht lange auf sich warten. Plötzlich bog der Chevrolet links in den Wald. Er wollte durch den Wald flüchten. Ich gab Vollgas und fuhr parallel, seitlich versetzt hinterher. Im Gelände habe ich den Vorteil, auch wenn ich in einem LKW sitze und breiter bin als der Chevy. Nur wenige Zentimeter schossen die Baume an mir vorbei. Bis auf eine Baumgruppe. Die war enger als mein LKW breit. Knirschend schob sich die Stoßstange zwischen den Bäumen hindurch. Der Amerikaner erkannte wohl die Situation und dachte, wenn er jetzt stoppt und rückwärts wieder auf den Feldweg fährt, könnte er mich abhängen. Er stoppte und ließ mit durchdrehenden Rädern den Chevrolet rückwärts gleiten, denn von Schnelligkeit konnte keine Rede sein. Auf dem Waldboden haben die Räder nicht genügend Haftung. Außer, das die Räder ein Gemisch von Kiefernnadel und Moos aufwirbelt. Ich bremste ebenfalls, schaltete in den Rückwärtsgang und mit eingelegter Untersetzung stiebte mein Robur rückwärts, wobei die Räder mit den tiefen Stollen den Waldboden über fünf Meter weit fliegen lassen. Die beiden Bäume, die zu eng für mich waren zogen mit stählernen Quietschen die Stoßstangenecken nach vorne, so dass meine Stoßstange jetzt zwei Hörner hatte, die wie ein Stier zum Kampf bereit, hervor ragten. Nun hatte der Amerikaner eingesehen, dass es keinen Ausweg mehr gibt. Der Motor vom Chevrolet blubberte im Standgas seine hunderte von PS gekränkt heraus. Die Fahrertür öffnete sich und der Fahrer stieg aus.

Er war groß gewachsen. Bestimmt einen Meter und neunzig Zentimeter und über neunzig Kilo schwer. Dunkelhäutig. Gemessen an seinem wuchtigen Körper im Tarnanzug, wirkte sein Kopf von den Proportionen her eher klein und dadurch, dass er keine militärische Kopfbedeckung trug glänzten seine schwarzen krausen Haare im Lichte der Sonne. Auch er hatte einen „Dicken Hals“. Ein leichtes Grinsen im Gesicht verriet mir, dass er sich sicher in seiner Sache fühlt.

Das Aussteigen war sein erster Fehler!

Die alliierten Truppen dürfen das Territorium der Deutschen Demokratischen Republik zwar befahren, ausgenommen Sperrgebiete, aber nicht ohne Genehmigung der Sowjetunion und nicht ohne Begleitung eines sowjetischen Offiziers, betreten. Das Fahrzeug der Amerikaner ist Territorium der Vereinigten Staaten von Amerika .Wir dürfen das Fahrzeug nicht einmal anfassen. Aber wenn eine, oder mehrere Personen, ganz gleich welchem Rang, unser Territorium der Deutschen Demokratischen Republik betreten, müssen wir, die, oder diejenigen Personen festnehmen, Schnüren, wie unsere Einheit von der LFP es nennt, oder festsetzen und warten, bis Verantwortliche der sowjetischen Kommandantur kommen und den „Fall“ lösen.

Dem Ami war das offenbar nicht bewusst und er dachte, dass mit einem Soldaten, wie ich es nun mal war, er klar kommen würde.

Alle Fahrer und Beifahrer der alliierten Truppen sind geschult und entsprechend ausgebildet.

Ich bin auch ausgebildet!

Wissen die das?

Bei Alarm und im Einsatz ist meine Kalaschnikow mit vollem Magazin und entsichert im Steckhalfter, gleich neben mir an der Rückwand vom Fahrerhaus. In einen Bruchteil einer Sekunde zögerte ich, ob ich meine Kalaschnikow überhaupt nehme. Im Herausspringen riss ich reflexartig meine Waffe vom Halfter. Ohne weiter darüber nach zu denken und kam dem Amerikaner entgegen.

Der hatte indessen schon seine Pistole gezogen, aber noch nicht entsichert.

Das war sein zweiter Fehler!

Jetzt war er ein Gegner.

Jetzt war er ein Feind!

Mein Körper begab sich innerhalb einer Sekundensequenz in den Kampfmodus!

Ich war schneller bei ihm, als er seine Waffe entsichern konnte. Noch im Zulaufen begriffen ließ ich meinen linken Arm, in die ich die Kalaschnikow hatte, kreisen, um an den Abzugshahn zu kommen. Mit ein paar Schüssen in Richtung der Beine, wollte ich ihm klar machen, dass es besser ist, wieder in seinem Auto zu steigen. Schaffte es aber nicht rechtzeitig meine Kalaschnikow in Position zu bringen.

Jetzt waren wir beieinander.

Mir war klar, dass ich die Hijhung-Technik anwende!

Ich hatte meinen Körper vollkommen in der Kontrolle. Jeder Muskel, jeder Energiestrang war ausgerichtet. Mein Kampfgewicht beträgt Zweiundachtzig Kilo. Das heißt, dass ich mit Masse Mal Geschwindigkeit, auf dem Punkt, in der Lage bin, meine gesamte Energie zu konzentrieren. Zu bündeln. In einem Gesamtpaket dem Gegner entgegen zu bringen. Die Schockwelle, die dadurch ausgelöst wird, tötet. Egal wo und was ich treffe!

Der Ami kam nicht auf mich zu. Stoppte und verharrte in seiner Position. War bemüht, seine Pistole in den Anschlag zu bringen. Seine Energiewellen, die zu mir drangen, sagten mir, dass er verunsichert ist. Er konzentriert sich mehr auf seine Pistole, als auf seinen Körper.

Er schießt nicht!

Ich schieße nicht!

Ich weiß: „Er wird verlieren!“

Wir prallten aneinander!

Explosionsartig schoss mein rechter Arm vor.

Die Kalaschnikow war nicht mehr zu spüren. Ich war im Modus. Im absolutem Kampfmodus! Jeder Muskel in meinem Körper war aktiviert, war konzentriert. War Befehlsbereit. Mein Gehirn war bereit zu Handeln.

Ich schlug zu!

Das linke Bein war vorgestreckt, setzte auf den Boden auf und das rechte Bein war leicht quergestellt und rammte sich in den Boden, um die entgegenkommende Energie zu pulverisieren. Ich nutzte seine ankommende Energie, in dem ich Macht ausübte. Die Sequenz, die entscheidend ist, um die eigene Stellung zu sichern, um Beinstellung exakt auszurichten, den Körper mit dem gesamten Gewicht auf einer gezielten Aktion einzustellen, ist ausschlaggebend für den Erfolg. Für einen Bruchteil einer Sekunde trafen sich unsere Augen. Seine Augen waren weit aufgerissen. Ich wusste sofort, dass er in diesem Moment unterlegen ist. Es ruckte in meinem Körper. Jeder Muskel war auf diese eine Aktion ausgerichtet und angespannt. Mein Körper formte sich zu einem Ganzen. Den Körperteil, den ich jetzt treffe, wird außer Gefecht gesetzt.

Die Wucht schleuderte ihn komplett auf die Motorhaube vom Chevrolet.

Mit meinem Handballen traf ich ihn oberhalb vom Rippenbogen. Ein Krachen ging durch seinen gesamten Körper und er ächzte, als er mit dem Hinterkopf auf das Blech aufschlug. Dennoch bewegte er sich. Mein Schlag hatte nicht die gewünschte Wirkung erzielt!

Kann er was? Ist er so geschult, um meinen Schlag zu kompensieren?

Ich setzte nach. Jetzt gibt es kein Zurück mehr!

Er richtet sich indessen blitzschnell wieder auf. Seine Pistole hatte er immer noch in der rechten Hand. Wie in Zeitlupe konnte ich seine Bewegungen verfolgen. Langsam begann der Lauf seiner Pistole meinen Körper ins Visier zu nehmen.

Das Aufrichten, war sein dritter Fehler!

Ich war noch in der Vorwärtsenergie. Mit einem mächtigem Satz sprang ich in die Höhe und drehte mich, so dass mein Rücken zu ihm gewand war. Während der Drehung setzte ich meinen rechten Arm nach vorne und kurz vor dem Aufsetzen schoss mein Ellenbogen nach hinten heraus, gleichzeitig mit meinem Oberkörper blitzartig seitlich gedreht. Egal, was ich treffe. Das was ich jetzt treffe, wird kaputt gehen.

Mein Ellenbogen traf voll den Unterkiefer des Amerikaners. Ich spürte das Krachen seiner Knochen. Seine gesamte untere Gesichtshälfte zersplitterte!

Er fiel nach hinten und blieb regungslos liegen.

Ein metallisches Klacken, so als wenn jemand eine Tür öffnet und ein metallisches schieben mit zwei kurzen Stößen, so als wenn jemand eine Pistole schussbereit macht, vernahm ich, während mein Rücken noch dem Chevrolet zugewandt war.

Ich setzte mit meinen Füßen auf und während der erneuten Drehung mit Ausfallschritt, um wieder den Chevrolet und das gesamte Spektrum mit meinen Augen wahrzunehmen, bemerkte ich, dass der Beifahrer während meiner Aktion ausgestiegen ist und im Begriff war seine Pistole auf mich zu richten. Ich musste davon ausgehen, dass er seine Waffe entsichert hatte und auch bereit war abzudrücken. In der Zwischenzeit hatte ich meine Kalaschnikow in den Griff bekommen und mein linker Zeigefinger war bereit zum durchziehen.

Ich will nicht schießen!

Der Wald ist still. Im Wald gibt es keine Zeugen! In keiner Tagespresse wird, nicht, auch nur eine Zeile zu lesen sein. Bei „Zwischenfällen“ wird in der Regel, dieses auf diplomatischem Weg geklärt. Die Sowjets und die Amerikaner verhandeln solange, bis irgendwelche „Personen“ in der Dunkelheit der Nacht über den Check Point Charlie ausgetauscht werden!

Der Mäusebussard zieht einsam am Himmel seine Kreise und das Eichhörnchen ist schon längst zum nächsten und übernächsten Baum gehüpft. Das Reh und das Wildschwein haben schon lange, vom Gebrüll der Motoren die Flucht ergriffen und der Fuchs kommt eh erst in der Dämmerung. Die Kiefern stehen stumm und die Baumkronen wiegen sich sanft, durch den Wind, im Halt ihrer Wurzeln.

Ich will nicht töten!

Die Fahrertür stand mit heruntergelassener Scheibe noch offen. Geduckt schob ich meine Maschinenpistole in den Fahrgastraum hinein. Ich wusste, dass dort hochrangige Offiziere auf der Rückbank sitzen.

„Go in your Car, please“, sagte ich zum Beifahrer. “Please”, wiederholte ich.

Das war auch meine letzte Warnung, die ich aussprach!